Bevölkerungsverdrossenheit

Hört die Politik das Volk noch? Diese Frage kann einem in der heutigen Zeit schnell durch den Kopf schießen. Betrachtet man  die politischen Ergüsse der letzten Zeit in der Bundesrepublik so beschleicht einen der Gedanke, wo ist mein Einfluss auf die Politik geblieben? Vielmehr so scheint es, dominieren  flachen Botschaften und poppige Werbung das Feld. Besonders ist dies an den meisten Auftritten politischer Akteure im Netz festzumachen, „Digitales Glanzpapier“ scheint hier ein treffender Begriff.  Man zeigt Präsenz, ohne sich aber wirklich auf die Welt des Web 2.0 einzulassen. Die Politik wirkt wie ein Fremdkörper.

Da stellt sich natürlich die Frage, wo hakt es, warum gelingt die Integration, wenn überhaupt nur spärlich? Es gibt mit Sicherheit einige Erklärungsansätze, einer der aber einleuchtend erscheint, hat die Titelstory der Zeit in ihrer letzten Ausgabe beschrieben. Die Politik neigt da zu sich aus den Gesprächen der Bevölkerung auszugrenzen. Die Stimme des Volkes wird nicht mehr gehört. Dies mag für einen Großteil der Leser nichts neues sein aber es scheint aktueller den je.

Volkesstimme ist nichts wert

Artikulationen des Volkes, wie die Zensursula-Petition, werden als Zeugnisse einiger weniger abgetan und nicht als das Angesehen was sie eigentlich sind: Die Stimme und Meinung von großen Teilen des Volkes. Was  gibt die Gefühlslage der Menschen besser wieder, wenn nicht solche Ereignisse? Sind sie nicht aus Gesprächen und Diskussionen an realen und virtuellen Stammtischen entstanden? Ist es nicht der Ausdruck politischer Meinung durch die Leute in den Städten und auf dem Land?

Hier fehlt es der Politik an Aufmerksamkeit und Teilnahme. Die Abgrenzung zwischen Politik und Bürger wird immer deutlicher. Phänomene wie die Piratenpartei sind keine willkürlichen Erscheinungen sondern Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Politik und mangelnder Interessenvertretung. Problematisch ist somit vor allem die geringe Sensibilisierung der Politik für die wahren Bedürfnisse der Bevölkerung. Hieraus tut sich eine neue Frage auf: Möchte Politik uns nicht mehr zuhören? Gibt man sich in Berlin damit zufrieden die eignen Botschaften zu verbreiten, ohne Einbeziehung des Volkswillen? Gibt man keinen Pfifferling mehr auf die Gedanken und Vorstellung der einfachen Menschen?

Wer ist denn nun verdrossen?

Oft wird von Politikverdrossenheit der Bevölkerung gesprochen aber ist es nicht vielleicht so, dass eine Bevölkerungsverdrossenheit von Seiten Politik herrscht?

Der Politik ist der Bezug zum Volk verloren gegangen. Nicht nur auf virtueller sondern auch auf realer Ebene. Vielen Menschen fällt es zunehmend schwerer sich mit einer Partei oder einem Politiker/in zu identifizieren. Zu wenig haben die Interessen des Volkes mit denen der politischen Akteure zu tun. Zu wenig Ecken und Kanten bieten die unterschiedlichen Parteien um sie zu differenzieren. Ein Schwarz-Grüne Koalition auf Bundesebene, um die Jahrtausendwende noch undenkbar, könnte bereits bald zu Realität werden. Alle wollen alles sein ohne überhaupt etwas zu sein. Und dies liegt nicht zu Letzt an den Parteien selbst, die es allen recht machen wollen, ohne auf die wirklichen Bedürfnisse ihrer Wähler einzugehen. Aber wie auch? Sie hören ja nicht zu!

Politik wieder Teil der Gesellschaft

Politik muss endlich aufhören von ihrer geschlossenen Burg auf das niedere Volk herabzusehen. Sie muss wieder Teil der Stammtische und Diskussionen werden und sich nicht vor ihnen sperren. Sie muss sich integrieren und partizipieren. Sie muss sich öffnen und offen für andere sein.

Denn ist es nicht die Wiedergabe des Volkswillen, was Politik ursprünglich ausmachen sollte?

Gastbeitrag von Lucas Mohr. Der Autor studiert in Gießen Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Rechtswissenschaften und schreibt gerade seine Magisterarbeit zum Online-Wahlkampf 2009 in Hessen.

Bild: flickr Ana Paula Hirama

2 Gedanken zu „Bevölkerungsverdrossenheit

  1. Mir gefällt vor allem der Begriff der Bevölkerungsverdrossenheit. Damit steigt man endlich mal tiefer in die Analyse der so genannten Politikverdrossenheit ein.
    Letzer Begriff bringt immer den Beigeschmack mit, als sei das Fehler der desinteressierten Bürger – und nicht vielleicht eher ein Vermittlungsproblem der Politik.

    Ein zweiter wichtiger Punkt scheint mir die Wahrnehmung von Meinungsäußerungen des Volkes zu sein. Eine Petition mit solch phänomenale Beteiligung kann glatt ignoriert werden, weil die BILD und der Bauernverband sich nicht dafür ausgesprochen haben? Eine eindeutige politische Äußerung von solch vielen Menschen sollte auch die entsprechende Wahrnehmung erfahren. Sonst besteht die Gefahr, eine stark politisierte und engagierte Generation endgültig zu verschrecken.

  2. Pingback: Geh bitte hin « sozlog

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