Provinzposse um Behindertenrechte

Gewöhnlich ist dieses Blog nicht wirklich lokal, aber diese Geschichte ist einfach zu unterhaltsam, um nicht veröffentlich zu werden. Alles beginnt mit einem Zeitungsartikel vor etwa zwei Wochen. Dirk Wingender berichtet in der hiesigen „DILL-POST“ über eine Stadträtin, die auf dem Behindertenparkplatz des Rathaus parkte. Viel interessanter als der eigentliche Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung selbst aber ist die Reaktion der drei beteiligten Parteien. Vorhang auf für den ersten Akt:

zweiterdezember

Erster Akt: Konfrontation

Auf das Vergehen angesprochen, versucht sich Elisabeth Fuhrländer, Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Dillenburg, zu rechtfertigen. Die Art und Weise ist so unglaublich, dass ich sie nur wörtlich zitieren kann:

„… hat sie sich mit ihrem Auto auf den Parkplatz gestellt. Mehrmals, wie sie gestern auf Anfrage dieser Zeitung eingeräumt hat. „Wenn die Garage des Rathauses voll war“, erklärt sie. Der Parkplatz sei doch eigentlich ein städtischer und gehöre sozusagen zum Rathaus, erklärt sich die Vize-Bürgermeisterin. […] „Das stört doch keinen Menschen. Dort hat noch nie ein Behinderter gestanden.“ […] Sie habe den Behindertenparkplatz nur dann benutzt, wenn sie „dringend im Rathaus etwas zu erledigen hatte.“ […] Sie bedauere, dass sie den Parkplatz genutzt habe, erklärte Elisabeth Fuhrländer in einem zweiten Telefonat mit unserer Redaktion. „Ich hätte nicht gedacht, dass es jemanden stört.“

Ich werde einmal versuchen, die verschiedenen Argumente der Frau Fuhrländer zu sortieren. Sie habe 1. nur dort geparkt, wenn die Garage voll gewesen sei, denn 2. sei der Parkplatz ja nur halböffentlich und 3. störe das doch niemanden. 4. habe dort noch nie ein Behinderter gestanden und 5. habe sie den Parkplatz nur in dringenden Fällen belegt. 6. bedauert sie vor allem den ihr entstandenen Ärger denn 7. hätte sie nicht gedacht, dass jemand daran Anstoß nehmen könnte. Damit endet nicht nur die Argumentationskette der stellvertretenden Bürgermeisterin, sondern auch der Artikel. Der Vorhang fällt, es folgt der zweite Akt:

dritterdezember

Zweiter Akt: Empörter Protest

Gemeinsam mit Redakteur Wingender bilanziert einen Tag später der Leiter der Lokalredaktion, Martin Heller, die Reaktionen auf den Ausrutscher der Stadträtin.

„“Was Frau Fuhrländer sagt, stimmt einfach nicht“, sagt auch eine weitere Leserin […]. Ihr Sohn sitzt ebenfalls im Rollstuhl. […] Ihre Erfahrung: Sowohl die Plätze am Rathaus als auch der Behindertenparkplatz in der unteren Marbachstraße nahe der ‚Erbse‘ seien regelmäßig von Autos besetzt, deren Fahrer keine Parkerlaubnis haben. „Ich habe den Eindruck, dass in Dillenburg eine Lobby für Behinderte fehlt.“

Sie berichtet von verschmutzten Behindertenparkplätzen, die voller Hundekot seien. Das bedeute für einen Rollstuhlfahrer, dass er den Schmutz an den Händen hat, sobald er an die Räder seines Rollis greife. Die Vorsitzende des Beirats für Senioren- und Behindertenfragen stellt klar: Es gebe nicht zu wenig Parkplätze für Behinderte, sie seien schlicht zu oft von Falschparkern besetzt. Falschparkern wie der Elisabeth Fuhrländer. Abtritt der Protestanten, Vorhang auf für den dritten Akt:

siebzehnterdezember

Dritter Akt: Die Verschwörungstheorie

Das alles scheint für die örtliche CDU zu viel des investigativen Lokaljournalismus zu sein, zu viel Beschwerde von betroffenen Bürgern. Der CDU-Ortsverband Frohnhausen, ein Ortsteil von Dillenburg, solidarisiert sich mit der Stadträtin. Die DILL-POST berichtet heute über einen Kommentar, den Patrick Schreier auf den Internetseiten des Stadtverbands Dillenburg veröffentlichte. Darin ist die Rede von einer „Hetzjagd“ und „Kampagne“ gegen Fuhrländer. Natürlich sei es nicht schön, wenn Behindertenparkplätze unzulässig belegt würden. Aber der Parkplatz am Rathaus sei ja fast überflüssig, nachdem es doch das Bürgerbüro im Süden der Stadt gebe. Und weiter:

„Diese Kampagne, ich kann es nicht anders nennen, ärgert mich persönlich sehr.Selbstverständlich hat Frau Fuhrländer eine Ordnungswidrigkeit begangen und selbstverständlich hat Sie dafür ein Bußgeld bekommen. […] Allerdings möchte ich hier öffentlich, und ich denke ich spreche da im Namen des gesamten CDU-Ortsverbandes Frohnhausen, meine uneingeschränkte Solidarität mit Frau Fuhrländer aussprechen. Wir brauchen sie, sind außerordentlich dankbar für ihr Engagement und wir stehen gerade in dieser schweren Zeit zu ihr.

Es mag natürlich sein, dass die Initiatoren dieser „Hetzjagd“ tatsächlich noch nie falsch geparkt haben, niemals „geblitzt“ wurden und auch garantiert immer angeschnallt sind. Für viel wahrscheinlicher halte ich es jedoch, dass hier die Nöte von behinderten Mitmenschen zu parteipolitischen Zwecken instrumentalisiert werden.

Und damit sind für mich die Grenzen des guten Geschmackes weit überschritten.“

Die DILL-POST hat uns freundlicherweise die drei Artikel zur Verfügung gestellt. Das Copyright für Texte und Bilder der entsprechenden Daten liegt bei der DILL-POST. Titelbild: Photocase ohneski, Montage

5 Gedanken zu „Provinzposse um Behindertenrechte

  1. Da fehlen einem doch glatt die Worte. Sachen gibt es manchmal, die glaubt man gar nicht.
    Muss ich mal mit meinen Eltern bzw. Verwandten diskutieren, die ja alle aus Dillenburg stammen.
    Unglaublich.

  2. Lasst Doch dieser Frau einfach ihr kleines Machtgefühl. Lasst sie doch einfach dort parken wo sie möchte und andere sich nicht trauen. Lass sie argumentieren wie sie möchte, das muss sie als Politikerin machen. Und zu guter Letzt, liebe Dillenburger, wählt sie einfach nicht mehr. Punkt.

  3. Ich empfehle der Frau von der Stadt aus einen passenden Parkschein auszustellen, denn das was sie macht, ist im Kopf doch eingeschränkter, als man in der Position zu ahnen vermag.

    Recht haben jedoch die Rollstuhlfahrer, die keine Plätze dort finden.

    Die nächsten 2 öffentlichen Parkplätze sind eine Brücke über die Dill entfernt.

    Über Faulheit brauchen wir da wohl nicht mehr reden.

  4. Frau Fuhrländer hatte genau eine Chance, unbeschadet aus der „Affäre“ hervorzugehen: Sie hätte einsehen müssen, dass sie sich falsch verhalten hat (was sie ganz offenbar nicht tut), sich entschuldigen sollen (was ihr nur mit Einschränkung möglich war) und – wenn sie es ganz besonders gut hätte machen wollen – noch als Geste des guten Willens eine kleine Summe beispielsweise an die Lebenshilfe spenden können. Damit wäre die Sache aus der Welt gewesen. Stattdessen wollte sie die Sache einfach aussitzen. Und so hat sie sich die „Hetzkampagne“, die die Frohnhäuser CDU zu erkennen glaubt, durch Ihr völlig unangemessenes Verhalten selbst zuzuschreiben. Jetzt gibt es eigentlich nur noch eine Möglichkeit: Rücktritt von allen politischen Ämtern. Ihrem bisherigen Verhalten nach zu urteilen, wird sie dies aber wahrscheinlich nicht einmal in Betracht ziehen. Frei nach dem Motto: CDU – Wir haben die Kraft!

  5. Schön finde ich die Formulierung, dass Herr Schreier und der CDU Ortsverband Frohnhausen in „dieser schweren Zeit“ hinter Frau Fuhrländer steht. Bühnenreif! Selbstverursacht und verachtenswert! Bemerkenswert ist auch, dass hier nicht der Ansatz eines Unrechtsbewusstseins herrscht. Vielmehr wird das Verhalten noch entschuldigt und als Hetzkampagne der örtlichen Medien dargestellt. Nun, wer Herrn Schreier und dessen Vergangenheit besser kennt, der weis, dass er gerne andere für seine Fehlgriffe verantworlich macht. Schade ist nur, dass er hierfür komunalpolitischen Spielraum erhält.

    Da sollte der Ortsverband der CDU- Dillenburg- Frohnhausen einschreiten

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