Viele Millionen Euro

Humor und Kreativität zeigen gerade die Berliner Piraten. Nachdem ihr Spitzenkandidat Andreas Baum in der RBB-Sendung „Klipp&Klar“ auf die Frage nach der Berliner Verschuldung keine richtige Antwort geben konnte, war bei YouTube ein Video unter dem Titel „Piraten Berlin: Voll auf Kurs, aber ohne jeden Plan“ aufgetaucht. Rasant verbreitete sich der Clip im Netz und erfreut sich seitdem insbesondere bei der politischen Konkurrenz großer Beliebtheit.

Die Piraten nehmen es mit Gelassenheit und programmierten kurzerhand eine Schuldenuhr-App für das iPhone, die es den eigenen Wahlkämpfern nun ermöglicht, jederzeit den gerade aktuellen Schuldenstand nennen zu können.

Durchaus bemerkenswert ist der Lerneffekt der Berliner Piraten. Keine Partei hat sich im Netz in den vergangenen Tagen so ausdauernd mit der Berliner Staatsverschuldung auseinandergesetzt, wie die Piraten es getan haben. Die Fähigkeit mit Kritik umgehen zu können scheinen sie jedenfalls zu besitzen.

Transparenz im Landtag

Im Hessischen Landtag tagt ein Untersuchungsausschuss zur Steuerfander-Affäre. Ein eifriger Blogger berichtet dazu fast im Wortlaut live aus der Sitzung – was den Vorsitzenden Leif Blum (FDP) scheinbar gehörig empört hat. Jedenfalls hat Blum es untersagt, eine wörtliche Abschrift aus dem Ausschuss zu veröffentlichen. Dabei bezieht er sich auf eine recht wackelige Rechtsgrundlage. hr-online berichtet:

Auch ein Vertreter des Whistleblower-Netzwerks, der live im Internet von der Sitzung berichtete, verursachte Blum offenbar Magenschmerzen. Der Blogger protokollierte viele Fragen und Antworten der öffentlichen Sitzung weitgehend mit. Blum sagte, die Veröffentlichung gebe fast den Wortlaut wieder und komme einer ebenfalls verbotenen Tonaufzeichnung gleich. Er bat den Blogger, seine Arbeit einzustellen und drohte mit Zwangsmaßnahmen. Dieser setzte seinen Blog aber in gleicher Weise fort.

Weiterlesen

Was ist los in Baden-Württemberg

Schon seit Jahren macht Baden-Württemberg sympathische, aber etwas langweilige Werbung für das Land: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“

Als die Kampagne vor kurzem neu ausgeschrieben wurde, war daher auch der Slogan nicht verhandelbar. Und die Goldenen Hirschen haben gemeinsam mit Ressourcenmangel diese Idee in eine neue und moderne Internetkampagne gesetzt. Grundgedanke der Seite ist: Wir zeigen, was in Baden-Württemberg so alles los ist. Gelöst wurde das sehr schön über eine schick gemachte Seite mit einer Karte als Hauptelement. Die Startseite erinnert übrigens in ihrer Reduziertheit etwas an Google oder alpha.gov.uk.

PS: Was genau soll uns die Domain www.bw-jetzt.de eigentlich sagen? Da hätte sich doch sicherlich etwas griffigeres finden lassen…
PPS: bw-jetzt.de ist einmal mehr eine Seite, die bewusst das Corporate Design für Internetseiten der Landesregierung Baden-Württemberg in weiten Teilen ignoriert. Und dabei gut aussieht. Es scheint also Zeit zu werden, das Jahre alte Corporate Design zu lockern oder zu erneuern…

10 Jahre 9/11

Gastbeitrag von Dr. Erik Meyer

Bereits direkt im Anschluss an die Anschläge vom 11. September 2001 entwickelte sich spontan eine Online-Erinnerungskultur, die dann unter dem Motto „Collecting Today for Tomorrow“ rasch institutionalisiert wurde. Ein Beispiel dafür ist The September 11 Digital Archive. Ebenso entstand etwa The Sonic Memorial Project: Die Aufzeichnungen wurden hier nicht nur archiviert, sondern auch als eine Art interaktives Audio-Denkmal arrangiert.

Zum zehnten Jahrestag wird nun nicht nur das 9/11 Memorial am ehemaligen Ground Zero eröffnet – es entstehen auch digitale sowie online verfügbare Angebote kommemorativer Kommunikation, von den einige hier kusorisch vorgestellt werden. Als Versuch einer vorläufigen Systematisierung soll es zuerst um Apps gehen, der zweite Teil befasst sich dann mit der Kompilation nutzergenerierter Inhalte. Weiterlesen

Kolumne: Das ungeliebte Kind

Die E-Mail ist und bleibt das ungeliebte Kind der deutschen Campaigner. Die unterhalten sich viel lieber über die Möglichkeiten, die Facebook, Twitter und neuerdings auch Google+ für die politische Kommunikation eröffnen. Wenn sie E-Mails als Kampagneninstrument hinzuziehen, dann nur, weil sie eben dazu gehören. Dabei gilt fast immer: Je schicker der Newsletter, desto größer der Erfolg.

Beim Blick über den Atlantik, wo sich die US-Politiker gerade für den Präsidentschaftswahlkampf warmlaufen, findet man eine völlig andere Denkweise vor. Nicht nur – mal wieder – Barack Obama, sondern beispielsweise auch Michele Bachmann arbeitet mit schlichten und kurzen E-Mails, in denen aber allem Anschein nach sehr viel Zeit und Energie steckt. Der Inhalt ist die Nachricht, nicht ein ausgefallenes Design. Die wenigsten Unterstützer freuen sich, wenn sie ein visuelles Feuerwerk im Posteingang vorfinden, das spätestens auf dem Mobiltelefon nur wie ein ausgelaufener Farbeimer aussieht. Per E-Mail möchte man über die wichtigsten Neuigkeiten auf dem Laufenden gehalten werden und bei Interesse über einen Link alles Weitere erfahren. Es wird Zeit, dass auch die Deutschen die E-Mail in der politischen Kommunikation wiederentdecken. Richtig eingesetzt, kann sie viel mehr bewirken als die gehypten Sozialen Medien.

[Erschien zuerst in: politik&kommunikation, September 2011]