Kolumne: Nutze die ruhige Zeit

So hatten sich das die Hamburger Wahlkämpfer sicher nicht vorgestellt. Statt ein entspanntes wahlkampffreies Jahr zu genießen, müssen sie nach dem Scheitern der schwarz-grünen Koalition innerhalb kürzester Zeit Kampagnen für die Neuwahl aus dem Boden stampfen. Keine leichte Aufgabe.

Wieder werden schnell neue Internetseiten zu den Kampagnen erstellt. Dabei liegt gerade hier ein Denkfehler. Noch immer wird das Internet von vielen Parteifunktionären als reines Wahlkampfmedium verstanden. Doch Politik zu kommunizieren ist eine Aufgabe, die die Legislatur überdauert. Natürlich, der Wahlkampf muss zuspitzen und Druck aufbauen. Aber was man politisch erreichen will, das muss man auch zu anderen Zeiten kommunizieren.

Außerhalb des Wahlkampfs haben Politiker die Zeit fürs Netz und könnten den Kontakt zu den Wählern stärken. Einem Politiker, der seine Webpräsenz nur in Wahlkampfzeiten nutzt, nehmen die Wähler die Ernsthaftigkeit weniger ab, als einem Kollegen, der sie auch im Politalltag pflegt. Hätten die Politiker diesen Grundsatz in Hamburg beachtet, könnten sie jetzt – in Hinsicht auf die Onlinepräsenzen – gelassener auf die Wahl blicken.

[Erschien zuerst in: politik&kommunikation, Februar 2011]

Keine Reserve im Netz

Beim ZDF wundert sich Dominik Rzepka, dass sich im Internet wohl kaum jemand für Guttenberg und die Affäre rund um die Gorch Fock interessiert. Wir haben uns das auch gefragt und während Malte mit einigen Zitaten für das ZDF eingestiegen ist, sollen hier kurz einige Gedanken zu den Grundlagen dieses Eindrucks entstehen.

Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist ja beileibe kein Phänomen, dass nur offline stattfindet. Stellvertretend für viele kann man hier das Verteidigungspolitik-Blog „Augen geradeaus“ nennen. Aber wer würde sich darüber hinaus in der aktuellen Lage, der Marine und ihrer Spitze in einer offenkundigen Führungskrise dazu im Netz äußern?

Natürlich kann man sich bei den Spitzen- und Fachpolitikern der Parteien umsehen. Dann wird man aber online im besten Falle etwa das gleiche zu Gesicht bekommen, das die Fraktionsvorsitzenden schon in den Pressekonferenzen verlautbaren lassen. Im konkreten Fall zu Guttenberg und die Gorch Fock ließ sich beispielsweise zum Anfang der Woche eine ganze Reihe von Statements der Herren Gysi und Trittin vernehmen, die entweder an Narkotisierung oder an Schadenfreude nur schwer zu übertreffen waren – übrigens nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge.

Was aber die große Stille im Netz hierzulande erst richtig erklären kann, ist ein kurzer Blick nach Amerika, wo es vor allem Soldaten – von der Front oder zu Hause, ihre Angehörigen und ehemaligen Kameraden – sind, die das militärische Grundrauschen im Netz bilden.

Davon ist in Deutschland noch nicht viel zu sehen. Während in Amerika Leitfäden an die Soldaten verteilt werden, wie sie die Sozialen Netzwerke nutzen sollten und was zu unterlassen ist, hat die Bundeswehr da ungleich weniger Sympathie übrig.

In dem amerikanischen Social Media Guidelines heißt es:

Every time a member of the Army Family joins Army social media, it increases the timely and transparent dissemination of information. (…) Social media allows every Soldier to be a part of the Army story. By starting a discussion on Facebook, or commenting on a Soldier’s story on a blog, all Soldiers can contribute to the Army story.

Quelle: Social Media Guidelines bei SlideShare

In Deutschland dagegen liest man über die Bundeswehr in sozialen Netzwerken eher solche Schlagzeilen:

Ruhe im Glied. Die Bundeswehr untersagt ihren Soldaten, über ihre Einsätze zu twittern und zu bloggen, aus Angst vor Kontrollverlust. Andere Streitkräfte sind da sehr viel offener.

gefunden bei ZEIT Online.

Und so wundert es wenig, dass die „freundlich dessinteressierte“ Web-Bevölkerung sich eher über den Skandal lustig macht, als hier mit harten Bandagen über die Zukunft der Bundeswehr zu diskutieren. Auch und gerade im Netz. Aber dort sind offensichtlich kaum Soldaten oder solche, die einen Bezug dazu haben.

State of the Union

Als Barack Obama am Dienstag zur Rede zur Lage der Nation antrat hatten es einige Journalisten bereits als eine seine letzten Chancen gesehen, um die Kritiker – auch in den eigenen Reihen – hinter sich zu bringen und seine von immer mehr Erosionen betroffene Präsidentschaft wieder etwas glatt zu bügeln. Doch nicht nur politisch wurde Obama in den vergangenen Monaten immer mehr in die Ecke gedrängt, sondern auch online musste er seine Chance nutzen, um nicht an Relevanz zu verlieren.

Am Tag danach sprechen die Einen von einer „Ruckrede„, die Anderen von einer „wegweisenden Rede“ – in der Obama seinen „Sputnik-Moment“ hatte. Verschiedene deutsche Medien titelenden heute mit Sputnik-Überschriften, da Obama in seiner Rede unter anderem einen Vergleich zu den politischen Herausforderungen in den 50er Jahren zog, als die Sowjets den USA mit dem ersten Satelliten im All zuvorgekommen waren. Während es damals um den Wettlauf im Weltraum ging, finde der heutige Wettlauf im Bereich Bildung und Forschung statt, um auf diese Weise neue Industriezeweige zu schaffen.
Insgesamt gesehen erhielt Obama für seine Rede weltweit ein positives Presseecho. Der Befreiungsschlag scheint also gelungen.

Ein Thema ist in der Berichterstattung jedoch deutlich untergegangen, nämlich Obamas Aktivitäten im Netz. Nicht nur politisch stand Obama in den letzten Wochen mit dem Rücken zur Wand. Galt Obama noch vor zwei Jahren als der unerreichbare, Followerspitzenreiter in den großen sozialen Netzwerken, haben ihm inzwischen die Lady Gagas dieseser Welt den Rang abgelaufen. Und auch ansonsten musste der einstige „Internetvorzeigepräsident“ viel Kritik einstecken, da von den Internet-Innovationsschüben nach den ersten beiden Jahren seiner Amtszeit immer weniger zu spüren war.

Seine Rede zur Lage der Nation nutzte er deshalb nicht nur für seine politische Rehabilitation, sondern um auch zu zeigen, dass ihm und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Ideen für Onlineangebote noch nicht ausgegangen sind. Unter der eigens eigerichteten Website für die Rede, wurde und wird einmal mehr die vorbildliche Einteilung der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von politischen Veranstaltungen umgesetzt. Während in Deutschland häufig noch immer Kampagnenseiten nach dem Ende der Durchführungsphase eingestellt, z.T. sogar gelöscht, werden, hat das Team Obamas ein interessantes Komplettprogram aufgestellt. So berichtete die Seite bereits vorab über die wichtigsten Facts zu den traditionellen Reden zur Lage der Nation. In einer animierten Übersicht konnte man sich anschauen, wer während der Rede neben der First Lady sitzen wird und warum und auch die Verknüpfungen von Facebook und Twitter durften natürlich nicht fehlen.

State of the Union

Spannender noch, als das was vor und während der Rede auf der Website passierte, ist das, was nach dem Livestream auf der Seite angeboten wurde. Innerhalb kürzester Zeit stellte man ein mit erklärenden Visualisierungen ergänztes Video der Rede bereit und ein komplettes Wochenprogramm rund um Obamas Rede wurde angekündigt. So beantworteten noch am gleichen Abend Mitarbeiter des Weißen Hauses Fragen aus dem Netz und auch die nächsten Abende geht es so weiter.

Höhepunkt des Kalenders sind die Fragestunden mit Barack Obama und Vizepräsident Joe Biden am Donnerstag.

Ob am Ende dieser Woche auch im Zusammenhang mit Obamas Onlineaktivitäten von einem Befreiungsschlag gesprochen werden kann wird sich zeigen. Deutlich ist jedoch, dass er sich auf seine alte Stärke zurück besonnen hat, nämlich bei wichtigen Ereignissen, die Wählerinnen und Wähler über das Internet hinzu zuziehen und an diesen zu beteiligen.

Screenshot: http://www.whitehouse.gov/state-of-the-union-2011

Schäuble schlägt Niebel

Welcher Abgeordnete ist wohl jünger, hat mehr Reden gehalten und mehr Fragen auf abgeordnetenwatch.de beantwortet? Bei Spiegel Online kann man das jetzt in einem Quartett ausprobieren. Finanzminister Wolfgang Schäuble schlägt Entwicklungshilfeminister Niebel klar mit 11 zu 4 Legislaturperioden, würde aber gegen Gregor Gysi verlieren, hätte man sich die Antwortquote bei abgeordnetenwatch.de angesehen.

Warum aber dieses Spiel? Was wollen uns die Macher damit sagen? Klar, für Abgeordnetenwatch ist es eine gute Möglichkeit, die fast schon in Vergessenheit geratente Plattform noch einmal auf der ganz großen Bühne zu präsentieren. Immerhin hat man schon lange eine Partnerschaft mit dem Nachrichten-Platzhirsch Spiegel Online. Aber was bringt es dem Besucher von Spiegel Online, sich die Zeit mit einem Quartett zu vertreiben, bei dem er als höchste Erkenntnis die Anzahl der Reden eines Abgeordneten gewinnen kann? So jedenfalls sieht moderner Daten-Journalismus nicht aus.

Eltern haften für ihre Kinder

Joachim Herrmann ist ein harter Hund. Der bayrische Innenminister schränkte das Versammlungsrecht ein, um „rechts- oder linksradikale Chaoten“ einzubremsen und würde ab und zu ganz gerne die Killerspiele verbieten, die so gefährlich wie Drogen oder Kinderpornografie seien. Jetzt hat Joachim Herrmann aber selbst einen harten Hund zu Hause, oder sollte man eher sagen einen „tough dog“? Ein Gangsterrapper haust im Ministerheim in Erlangen. Die mittelfränkische Provinz wird zu Compton, die Villenviertel von Erlangen zur Bronx.

Jedenfalls dann, wenn „Jackpot“ alias Jakob Herrmann als Gangster-Rapper durch die Straßen zieht. Die Münchner Abendzeitung hat ihn enttarnt, den „Porno-Rapper“ – und weitere Zeitungen folgen.


Nicht ganz unverständlich, dass die Presse eine solche Geschichte aufgreift. Wenn der Sprößling einer Grünen oder eines Linken Gleise blockiert, als Penner vorm Bahnhof hängt oder gar die Schule abbricht – die Elternschaft hat’s ja prophezeit. Aber ein Sohn aus gutbürgerlichem Hause, der aus der Linie ausschert, das ist ja wirklich eine gute Story.  Und so schreibt die Abendzeitung:

Macht in seinen Videos einen auf dicke Hose: Gymnasiast Jakob Herrmann wird den moralischen Ansprüchen seines Vaters Joachim wohl eher nicht gerecht.

Man kann die Sprache des deutschen Gangster-Raps so abstoßend finden, wie man möchte – vielleicht ist das nicht mal schwierig, wenn der 19-Jährige Musterknabe rappt, dass jede Frau sich bückt und er das Game ficken wird – dennoch ist es legitime Ausdrucksform jugendlicher Musikrebellion, die schon seit langem die Ghettos von Berlin-Schönefeld oder Hamburg St. Pauli verlassen hat.

Die Lektion, die diese kleine Episode lehrt, ist dagegen scheinbar nicht so offensichtlich: So selbstverständlich, wie Jugendliche heute vor allem online selbst verwirklichen, so selbsterklärend ist es auch, dass die Psyche eines 19-Jährigen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Abgrenzung gegenüber dem Elternhaus geprägt sein wird. Und je mehr das Leben der Jugendlichen im Internet stattfindet, desto mehr Material für Journalisten wird sich finden. Von 173 Fotos der letzten durchsoffenen Nacht über den unschönen Trennungskrieg auf Facebook-Pinnwänden bis eben hin zu den musikalischen Eigenproduktionen – Personen des öffentlichen Lebens werden sich damit abfinden müssen, dass die Rebellion der Teenager nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfindet und Eltern trotzdem nicht immer für ihre Kinder haften. Und vielleicht werden ja mit der Zeit auch nicht mehr einfach die Videos aus dem Netz gelöscht, wenn die Story losbricht. Denn für einen 19-Jährigen Gangsta aus Erlangen hat der junge Herr Herrmann mächtig Talent.

Video nach dem Klick.