10 Jahre 9/11

Gastbeitrag von Dr. Erik Meyer

Bereits direkt im Anschluss an die Anschläge vom 11. September 2001 entwickelte sich spontan eine Online-Erinnerungskultur, die dann unter dem Motto „Collecting Today for Tomorrow“ rasch institutionalisiert wurde. Ein Beispiel dafür ist The September 11 Digital Archive. Ebenso entstand etwa The Sonic Memorial Project: Die Aufzeichnungen wurden hier nicht nur archiviert, sondern auch als eine Art interaktives Audio-Denkmal arrangiert.

Zum zehnten Jahrestag wird nun nicht nur das 9/11 Memorial am ehemaligen Ground Zero eröffnet – es entstehen auch digitale sowie online verfügbare Angebote kommemorativer Kommunikation, von den einige hier kusorisch vorgestellt werden. Als Versuch einer vorläufigen Systematisierung soll es zuerst um Apps gehen, der zweite Teil befasst sich dann mit der Kompilation nutzergenerierter Inhalte.

I KOMMEMORATIVE APPS

Das 9/11 Memorial unterhält eine umfangreiche Online-Präsenz, bietet aber auch zwei iPhone-Apps an: Schon seit einem Jahr ist Explore 9/11 verfügbar. Ebenso wie die zuletzt diskutierte Historypin-App setzt Explore 9/11 u.a. auf geosensitive Inhalte, wenn Fotografien über den eigenen Standort erschlossen werden. Desweiteren werden die Geschehnisse in Form einer Timeline sowie einer Video-Tour resümiert. Rechtzeitig zur Eröffnung der Einrichtung ist nun der 9/11 Memorial Guide erschienen. Dieser erschließt vor allem das Denkmal, auf dem die Namen der 2983 Opfer verzeichnet sind. So ist die jeweilige Stelle auf den Wänden auffindbar, die die Footprints der Türme umschließen. Wie der folgende Screenshot zeigt, bietet die Website die gleichen Funktionen.

Für einige Namen sind darüber hinaus Audio-Aufnahmen mit Erinnerungen an das jeweilige Opfer verfügbar. Diese Inhalte wurden wiederum mit StoryCorps realisiert. Dabei handelt es sich um ein Oral History-Projekt, das unter dem Motto „Every voice matters“ Zeitzeugenerzählungen aller Art sammelt und online aufbereitet. Auch dafür exisiert übrigens eine iPhone-App. Einen guten Überblick über die Entstehung und Entwicklung von Denkmal und Museum bietet dann die mit viel visuellem Material ausgestattete iPad-App The 911 Memorial: Past, Present and Future, die nicht von der Einrichtung verantwortet wird.

Schließlich soll noch von einer Facebook-App die Rede sein: National Geographic hat eine Anwendung programmiert, die die Antwort auf die Frage „Wo warst Du, als Du von den Anschlagen gehört hast“ visualisiert. Nutzer können via „Remembering 9/11, Where Were You?“ Ihren Auftenhaltsort auf einer Karte eintragen sowie weitere Angaben dazu machen.

Inzwischen hat auch das New Yorker 9/11 Memorial eine Facebook-App aufgelegt: Nutzer können damit ihr Profil-Bild sowie ihre Status-Zeile dem Gedenken an Opfer der Anschläge widmen. Darüber hinaus werden sie dazu aufgefordert zu berichten, wie sie das Ereignis erinnern.

II CROWDSOURCED MEMORY

Ein Spezifikum von Online-Medien ist die Erhebung nutzergenerierter Inhalte. Der Guardian bedient sich dabei ähnlich wie das Projekt des National Geographic sozialer Medien: Zur Verifizierung unterstützt durch Facebook oder Twitter können in ein Formular Angaben zum damaligen Standort sowie der eigenen Erlebnisse eingetragen werden. Die ersten Ergebnisse werden in einer Flash-Anwendung visualisiert.

Andere Online-Medien konzentrieren sich auf Videos als Format: Die New York Times hat gemeinsam mit YouTube einen Kanal für „Reflections on September 11“ eingerichtet und fragt unter anderem „What is your strongest memory of 9/11?“ Ähnlich verfährt das US-Network PBS, das aus den Einsendungen einen „9/11 Video Quilt“ webt.

Nicht nur nutzergenrierte Inhalte agreggiert die betreffende Microsite von Yahoo, die mit dem 9/11 Memorial kooperiert. Wer jedoch dem Aufruf „Tell your story“ folgen will, soll Mitglied im Contributor Network von Yahoo werden. Aber es gibt auch eine Flickr-Group und den Hashtag#911remembered„. Aus den Beiträgen resultiert dann ein Mosaik von persönlichen Profilen. Yahoo ruft für den 11. September darüber hinaus zu einem Digital Moment of Silence auf.

Visuell ansprechend sammelt Al Jazeeras auf die Online-Community ausgerichtetes Format „The Stream“ Antworten auf die Frage „9/11 – The World Has Changed. How have you?“.


Während die vorgestellten Angebote alle Interessenten ansprechen, repräsentiert ein deutsches Projekt eine spezifische Perspektive: Das Bundesinnenministerium präsentiert in gewohnt geschlossenem Format Erinnerungen von Zeitzeugen aus dem Ministerium sowie der beteiligten Sicherheitsbehörden an die Terroranschläge und ihre Folgen.


Dr. Erik Meyer ist Politikwissenschaftler und betreibt unter memorama.de ein Blog für Politik, Kultur & Kommunikation. Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem Publikationen zu Erinnerungs- und Jugendkultur, Parteien- und Mediendemokratie, sowie politischer Kommunikation und sozialen Medien.

4 Gedanken zu „10 Jahre 9/11

  1. Hmm, keine Ahnung, was diese „ich war gerade auf dem Klo, als es passierte“-Mitmachtools im Sinne einer aufklärerischen Erinnerungskultur bringen sollen. Im Endeffekt wird hier ein westlicher Opfer-Mythos gefestigt.

    Sämtliche Pre-9/11 Interaktion, die zugelassen hat, dass handelnde Radikale auf allen Seiten zu Helden der jeweiligen Kulturgruppen werden konnten, wird nicht thematisiert. Jahrzehnte der gegenseitigen ideologischen Instrumentalisierung hatten in der Bevölkerung zu dem Wunsch nach einfachen Lösungen geführt. Und Osama bin Laden und Bush jr. bedienten diesen Wunsch.

    Was soll also dieses Geotaggen und Betroffenheitskommentieren bringen? Die Disneyartige Aufmerksamkeitsindustrie 2.0 ist ein Affront gegenüber die tausenden von Menschen, die vor, am und nach dem 11.September gestorben sind, weil wir uns durch die Spätfolgen des Kalten Krieges und der noch älteren gewissenlosen Gier nach Öl von unseren „Führern“ zum gegenseitigen Hass ver-führen haben lassen.

    Im Angesicht der Finanzkrise und dem ziellosen Scheitern in Afghanistan, die beide zeigen, dass die westliche Ideologie ebenso versagt, sollte der 11.September der Erkenntnis dienen, dass auch die propagierten Ismen im Westen in den vergangenen Jahrzehnten kläglich versagt, Wertvolles zerstört und wenig wirklich innovativ gesellschaftlich Neues geschaffen hat.

    9/11 spuckt dem interkulturell Aufgeklärten ins Gesicht, fordert zum Denken und Handeln jenseits der allseitigen ideologischen Lügen auf. Aber Hauptsache, wir haben jetzt mal ge-geotaggt, dass wir irgendwo waren als irgendwas „passiert“ ist.

    PS: Diese unwürdige Angst-Propaganda auf der Website des Bundesinnenministers ist unfassbar. Ich schäme mich nicht mal mehr, dass soetwas von einem deutschen Minister kommt, ich empfinde nur noch Verachtung vor soviel unverfrorener Manipulation.

  2. Wie Umgang und Einbindung von Bild- und Tonmaterialien in neue Kontexte zu einer Verschiebung der Wahrnehmung und damit zu einer Umordnung individueller und kollektiver Erinnerungen führen kann. Die Digitalisierung und mediale Aufbereitung historischer Ereignisse sind eng mit der Konstitution des kulturellen Gedächtnisses verwoben. Mit welchen Konsequenzen rezipieren wir die Flut an jahrestäglichen Dokumentationen? (Re-)Konstruktion von Gedächtnis und Erinnerung in der Folge der (medial aufbereiteten) Ereignisse des 11. September 2001? „Ist doch die Wahrnehmung und Interpretation der Vergangenheit, der Ausgangspunkt für individuelle und kollektive Identitätsentwürfe […]“ (Welzer)
    Habe dazu vor einigen Tagen gebloggt.
    http://amsellen.wordpress.com/2011/09/05/911-michael-moore-und-die-digitalisierung-des-kulturellen-gedachtnisses/

  3. @Jens Best

    Ich stimme dir einfach mal auf ganzer Linie zu. Wie die USA mit den Anschlägen umgehen kann man ja noch irgendwo entschuldigen aber dass selbst in Deutschland Friedrich so eine Panik veranstaltet ist peinlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.