Kanzlermacher aus Mainz

vlcsnap-1844879Eine Menge Spott erntete das ZDF mit seiner Ankündigung, einen „Kanzler!“ zu suchen. Ob denn eine Casting-Show dem Ernst der Sache angemessen sei, wurde gefragt. Andere warfen ein, es sei schon seltsam, wenn der Journalismus sich mittlerweile schon seine Politiker selbst kreiere. Auch meine Erwartungen an „Ich kann Kanzler!“ (19. Juni, 21.15 Uhr live im ZDF) waren alles andere als euphorisch.

Doch bereits die Vorausscheidung der 40 Kandidaten, an geschichtsträchtiger Stelle im alten Bonner Bundestag ausgerichtet, hinterließ irgendwie einen positiven Eindruck bei mir. Sicher, „Ich kann Kanzler!“ war nicht die große Politik. Dennoch, die Kandidaten waren sympathisch, voller Engagement und einer inneren Begeisterung, die jeder Zuschauer gespürt haben muss. Ob das ZDF mit Jacob Schrot den nächsten Kanzler gefunden hat? Wohl eher nicht. Aber einen der größten Idealisten seiner Generation.

Mehr Professionalität hätte gut getan

Schade, dass das Format sich dauerhaft selbst einbremste. Warum ein Kanzlerkandidat eine politische Quizshow durchspielen musste, verstehe ich auch dann nicht, wenn Günther Jauch in der Jury sitzt. Der beste, inhaltsreichste und herausforderndste Teil der Sendung war das Duell der beiden letzten Kandidaten. Peter Frey schaffte es, die Kandidaten etwas hinter ihrer Phrasenwand hervor zu holen und so etwas wie Kontroversität zu provozieren. Auch die Diskussionsrunde über vom ZDF ausgewählte Themen wie EU-Beitritt der Türkei oder Adoptionsrecht für homosexuelle Paare hätte ausgebaut werden können.

Stattdessen hätte ich sehr gut darauf verzichten können, zu sehen wie sich unsere Spitzenpolitiker an der protokollarischen Rangordnung (Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundeskanzlerin) die Zähne ausbissen. Auch die millionste Ausstrahlung von politischen Versprechern gehört nicht in eine Freitagabend-Live-Sendung, sondern auf YouTube und Clipfish.

Nicht nur die Planung der Programmelemente, auch der Moderator strahlte Unprofessionalität aus. Der „sonst so korrekte Nachrichtenschönling Steffen Seibert“ (sueddeutsche) vergas kontinuierlich alle eingeübten Abläufe und sprach auch noch offen über seine eigenen Fehler. Die Kandidaten zu Siezen schien den Moderator vor ungeahnte Probleme zu stellen. Auch mit seinen Gästen ging er auf verstörende Weise unhöflich um, rief Peter Frey hinterher, dieser wolle ihm scheinbar zum Abschied die Hand nicht reichen.

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Auch junge Kanzler leben offline

Höchst verwundert war ich über die Zahlen von wahl.de. Seltsam irgendwie, dass nur zwei der Kandidaten eine eigene Homepage betreiben und der Höhepunkt ihrer Online-Aktivitäten ein schnell zusammen geschustertes meinVZ-Edelprofil war. Über 4000 Unterstützer für Antje Krug sind immerhin eine Ansage. Schade, dass die jungen Kanzler neben all der Politik nicht mehr zu begreifen scheinen, dass Politikvermittlung und Bürgernähe auf den Marktplätzen im Internet nicht weniger wichtig ist als auf denen unter freiem Himmel.

Wie groß das Versäumnis ist, kann man sich mit einem Gedankenspiel verdeutlichen. Wenn ich mir vorstelle, einer der Kandidaten hätte die vergangenen Monate genutzt und wäre nicht nur mit einer Präsentation seiner Person und seiner Visionen ins Netz gegangen, sondern hätte sich intensiv in den Dialog mit seinen Unterstützern, mit Skeptikern und Mit-Kandidaten gestürzt. Er hätte in die sozialen Netzwerke nicht nur mit einem Edelprofil einsteigen, sondern die junge Generation direkt ansprechen können.

Vielleicht wäre ja der ein oder andere wirklich angesteckt worden. In jedem Fall aber hätten die politikinteressierten Internetnutzer ihre Anliegen vorgebracht, hätten Ideen mitentwickelt, konkretisiert, und im Ende mitgetragen. Hätten ihren bevorzugten Kandidaten gefunden und während der Sendung unterstützt, angefeuert und bei der Abstimmung mit Freude zum Telefonhörer gegriffen.

Eine neue Ladung Kanzler?

Wird das ZDF eine Version 2.0 von „Ich kann Kanzler!“ auflegen, die die bisherigen Schwächen ausbügelt? Immerhin riet Steffen Seibert mehr als einmal, ein ausgeschiedener Kandidat solle es im nächsten Jahr wieder probieren. Ob das mehr als ein zu viel versprechendes Dieter-Bohlen-Zitat bleibt, wir werden es herausfinden.

Hoffentlich gibt es dann nicht nur mehr Inhalt und weniger Show, mehr Professionalität und weniger Pannen. Schön wäre es, wenn dann auch der Gewinn nicht mehr so schäbig wirken würde. Denn die sueddeutsche moniert nicht zu Unrecht den „Hauptgewinn, der mehr über die junge Generation aussagt als jede Studie: Ein Praktikum. Und ein Kanzlerinnen-Monatsgehalt von 16.000 Euro, das aber nur zweckgebunden ausgegeben werden darf.“

 

Zum Nachlesen: Kandidatenprofile bei wahl.de, „Ich kann Kanzler!“ bei twitter, die unterdurchschnittlichen TV-Quoten, die eher zurückhaltende Blogosphäre über die Sendung und die gute Zusammenfassung von Matthias Matussek. Und als Dessert: ein Screenshot von ichkannkanzler.de, aufgenommen vor einer halben Stunde.

Bilder: ZDF

Ein Gedanke zu „Kanzlermacher aus Mainz

  1. Es gab auch online aktivere Kandidaten, die es aber nicht über die Vorrunde geschafft haben, siehe http://www.wahl.de/blog/090611/wir-beobachten-kanzler-koenner bzw. http://dein-kanzler.de

    Aber für einen BT-Mitarbeiter ein Praktikum als Preis, das ist schon albern.
    Hätte mir auch mehr Sendungen und vor allem eine harte Jury erwartet. Da ist DSDS oder GNTM schon interessanter, gerade weil man da Entwicklungen sieht. Und etwas mehr Debatte und Kreuzverhör wär toll gewesen.

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